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29.07.2011

Reputation als Arbeitgeber

Fund der Woche 30-2011

Nachdem die bisherigen Funde der Woche alle die Kundensicht wiedergaben, widme ich mich heute einer anderen Perspektive. Nämlich der des Arbeitnehmers. Bewertungsportale gibt es nicht nur für Produkte und Dienstleistungen, sondern auch für Arbeitgeber. Das bekannteste unter ihnen ist wohl kununu.com. Dort haben in dieser Woche zwei Mitarbeiter des Luft- und Raumfahrt-Zulieferers Qest ihren Arbeitgeber bewertet. Und es scheint, als hätte das Unternehmen ein Employer-Branding-Problem.

Employer Branding ist ein Thema, das in letzter Zeit immer stärker an Bedeutung und Präsenz gewonnen hat. Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen wiederholte Klagen über einen angeblichen oder tatsächlichen Fachkräftemangel durch verschiedenste Medien geistern. Der Wettbewerb der Unternehmen um die besten Köpfe wird sich, das gilt als sicher, noch verstärken. Da ist es wichtig, mit einer guten Reputation als Arbeitgeber aufwarten zu können, wenn man attraktive Bewerber anlocken will. Und genau hier scheint Qest noch Nachholbedarf zu haben.

Das Unternehmen hat in dieser Woche seine ersten beiden Bewertungen auf kununu erhalten. Und beide dürften nicht unbedingt hilfreich sein bei der Suche nach neuen Top-Mitarbeitern. Das erzählen schon die Überschriften: “Nicht wirklich zu empfehlen” ist noch harmlos, wogegen es die zweite in sich hat: “Als Arbeitgeber eine Katastrophe – Niemals bewerben”. Puuh, da werden die Vorgesetzten erstmal schlucken müssen und Luft- und Raumfahrtingenieure auf der Suche nach einem neuen Job sicher auch. Es sei denn, sie legen keinen Wert auf a) ein Privatleben b) Familie c) Ausgleich für Mehrarbeit d) Urlaub und e) Anerkennung für das Geleistete, stattdessen aber auf einen gepflegten Burn-out. Vor allem: sucht man auf Google nach dem Arbeitgebr Qest springen einem diese Überschriften auf den Positionen 2 und 4 förmlich ins Auge.

All diese Nachteile eines Arbeitsverhältnisses bei Qest werden sehr deutlich herausgehoben. So heißt es z.B. zum Vorgesetztenverhalten: “Sehr schlecht. Der Druck der durch die Vorgesetzten ausgeübt wird, ist sehr groß. Prioritäten werden grundsätzlich durch die Vorgesetzten nicht gesetzt, alles muss sofort bearbeitet werden. [...] Das Vorgesetztenverhalten ist teilweise herablassend und am Rande vom gezieltem Mobbing.” Harter Tobak – da überlegt man sich mindestens zweimal, ob man dort arbeiten möchte. Oder zur Work-Life-Balance: “Die Arbeitsmenge reicht für 80 Stunden die Woche. Mehrarbeit wird auch Mitarbeitern gegeben, die bereits 50 bis 60 Stunden die Woche arbeiten. [...] Mehrarbeit unbezahlt.” Und weiter: “Kommt schon vor, dass man im Urlaub arbeiten muss. [...] Rücksicht auf Familie: Keinerlei. Vollkommen egal. Gruppenzwang bzgl. Arbeitszeiten: Sehr gross” Klingt nun wirklich nicht nach einer Wohlfühlatmosphäre!

Immerhin, das wird gelobt: “Die Kollegen begegnen sich mit Respekt und Anerkennung. Ein absolutes Plus in dieser Firma.” Der Rezensent wiederholt dies sogar noch, zieht im Schwenk zu den Vorgesetzten aber auch gleich eine Schlussfolgerung, die zeigt, dass er die Zusammenhänge von persönlicher und fachlicher Anerkennung einerseits und Arbeitsmoral und Unternehmensentwicklung andererseits verstanden hat. Er sagt nämlich: “Wer Anerkennung und Respekt für seine Arbeit braucht, der darf hier nicht arbeiten. Das Klima unter den Kollegen ist gut aber gegenüber den Vorgesetzten herrscht mehrheitlich Abneigung bis zu einer regelrechten kontraproduktive Ablehnung. Dies schadet dem Unternehmen zwar nicht in der Existenz aber verlangsamt es deutlich in seiner Entwicklung.”

Was ebenfalls, und hier betrachte ich die Angelegenheit wieder aus der Sicht des Reputation Controllers, kritisch ist: Die Mitarbeiter äußern sich selbstverständlich über ihren Arbeitgeber. Sei es im Kollegenkreis, unter Familie und Freunden oder auch im Internet. Und dort mit einer beträchtlichen Reichweite. Was Unzufriedenheit auf der Kommunikationsebene bewirkt, zeigt das folgende Zitat: “Viele Kollegen sind frustriert wegen der überlangen Arbeitszeiten, der extrem hohen Arbeitsbelastung und der niedrigen Löhne speziell in der Prodduktion. Entsprechend wird dies extern kommuniziert.”

Zusammengefasst zeigt sich hier ein großer Zwiespalt: Die Tätigkeit an sich, und auch die Branche, ist sehr interessant. Aber das wird ruiniert durch eine Firmenkultur, die verschiedenes nicht ist: arbeitnehmerfreundlich, familienfreundlich, fair, rücksichtsvoll. Alles Werte, die ein Unternehmen attraktiv für potenzielle Bewerber machen. Aber ich mächte mit dem Fazit bzw. den Verbesserungsvorschlägen der Rezensenten sprechen: “Firmenkulter und -philosophie ändern. Verschiedene Vorgesetzte sollten andere Aufgaben erhalten und ersetzt werden. Man kann nicht alle Projekte parallel laufen lassen und daher unbedingt Prioritäten setzen. Die Mitarbeiter verbrennen sonst.” Und: “Vorgesetztenverhalten und Arbeitszeiten auf ein sozial erträgliches Niveau herunterfahren. Wir sind nicht mehr im 18. Jahrhundert.” In der Tat, wir befinden uns im 21. Jahrhundert. In einer Zeit, in der es sehr einfach ist, sich über “alles und jeden” zu informieren. Das heißt auch: herausfinden zu können, wer einem die besten Bedingungen bietet. Qest scheint es nicht zu sein.

Kommentar

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Autor

Mirko Strauchmann
Mirko Strauchmann
...gräbt und wühlt am liebsten in den Tiefen des Internet. Klar, schließlich hat er Geschichte und Archäologie studiert. Und die Germanistik lässt er als Reputation Blogger sprechen. Darum analysiert der Musikliebhaber, der bei jedem Wetter mit Rad zur Arbeit fährt, bei New Communication als Reputation und Research Agent, was die Leute so im Netz über Marken schreiben oder was die Marktforschung hergibt.
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