Reputation Blogger

Satellit
REPUTATIONBLOGGER

Seiteninhalt

16.01.2015

Praxisbeispiele, Wie man es macht

Wetzt die Schwerter!

In den Facebook-Präsenzen unserer Medien ist ein neuer Trend zu erkennen: „Don’t feed the trolls“ war gestern. Inzwischen versucht man es mit Witz und Esprit.

(Lesezeit: ca. 5 min)

Pegida vs. Welt

Vor einigen Tagen ging eine Collage aus Screenshots durchs Social Web: Sie zeigt, wie das Facebook-Team der Zeitung „DIE WELT“ versucht, der teilweise unterirdischen Diskussionskultur im Netz Herr zu werden. Ich habe mich köstlich drüber amüsiert. Denn als Reputation Controller muss ich Tag für Tag diverse Kommentar-Threads, nicht nur auf Facebook, lesen. Was sich dort mitunter abspielt, dafür wäre der Begriff „Diskussion“ nicht selten ein unangebrachter Euphemismus. Pöbeleien, faktenresistente Verschwörungstheoretiker … sowieso: „faktenresistent“: das scheint mir ein äußerst zutreffendes Attribut zu sein für eine beängstigend hohe Zahl von Usern.

Dass es um die Diskussionskultur im Netz, auch auf den Seiten renommierter, anspruchsvoller Medien, teilweise dramatisch schlecht bestellt ist, ist kein neues Phänomen. Im letzten Jahr hatte man bei der „Süddeutschen Zeitung“ genug davon. Die Kommentarfunktion wurde ausgelagert, auch die Anzahl der Debatten hat man auf drei eingedampft. Davor hatte bereits die „New York Times“ versucht, das Niveau durch Einschränkungen zu heben. Berichte darüber, z.B. bei „der freitag“ oder der „taz“ wurden ausgiebig und kontrovers diskutiert.

Dass diese Maßnahmen offenbar trotz Moderation nötig waren, ist einerseits ein Armutszeugnis, zeigt andererseits aber auch das Dilemma auf: Ignoriert man die Trolle einfach, hören sie trotzdem nicht auf und verseuchen stattdessen die gesamte Diskussion. Geht man auf sie ein, macht es das auch nicht besser. Sie sind einfach auf Krawall gebürstet. Löscht man sie bzw. ihre Ausfälle, sieht man sich evtl. noch stärkerem Gegenwind ausgesetzt. Denn fälschlicherweise wird das Vorgehen als „Zensur“ gebrandmarkt, zuvor positive Teilnehmer laufen Sturm gegen die angebliche „Abschaffung der Meinungsfreiheit“.

Nun müsste man erstmal verstehen, dass das Löschen von Pöbeleien u.ä. nichts mit den Vorwürfen zu tun hat. Das wäre der Fall, wenn staatliche Stellen gewisse Inhalte entfernen, weil sie missliebig sind. Nach unserem Recht(sverständnis) grundlos. Wenn Sie zu Hause Gäste empfangen, und einer beschimpft und bedroht die anderen, dann haben Sie jedes Recht, ihn rauszuwerfen. Genau so verhält es sich in Internetforen und Sozialen Netzwerken auch. Wer massiv gegen das „Hausrecht“ verstößt, der fliegt halt.

Etwas anders stellt sich die Sache bei den Verschwörungstheoretikern dar. Die sind (natürlich) anstrengend, lästig. Aber warum sollten sie ihren Senf nicht dazutun? Zumindest, solange es sich nicht um strafrechtlich relevante Iditiotien wie Holocaustleugnung handelt. Womit wir auch wieder bei „faktenresistent“ wären. Als Argumenten nicht zugänglich gelten auch die PEGIDA-Anhänger. Sie treiben sich in letzter Zeit zahlreich in den Kommentaren herum und sorgen für Kontroversen. Und zwar anstrengende Kontroversen, da Fakten und Argumente in Verschwörungstheoretikermanier abgetan werden und verpuffen. Nicht umsonst wurde ihr bevorzugter Vorwurf „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres“ 2014 erkoren. Ihnen begegnen verschiedene Social Media-Teams neuerdings mit einer anderen Waffe: Ironie.

Dass es sich tatsächlich um einen Trend handelt, zeigt mir schon die Tatsache, dass sich zu diesem Phänomen bereits einige Medienberichte finden. Der NDR bspw. schreibt: „Die Trolle werden ‚freundlich auf die Schippe‘ genommen. Es soll niemand beleidigt oder verletzt werden.“ Auch wenn „DIE WELT“ anscheinend einen kleinen Schritt weiter geht und sich, die Collage zeigt es, auch mal über Pegidisten wirklich lustig macht – die Taktik scheint aufzugehen. Die Medien haben die Lacher auf ihrer Seite und können sich der Unterstützung zumindest eines Teils der Anhängerschaft sicher sein.

Die Waffe Ironie hat sich für den Moment als scharfes Schwert entpuppt. Es erinnert an die schon von Erika Mann vertretene Weisheit, dass man über Nazis (oder in unserem Falle: Trolle, Verschwörungstheoretiker, Pegidisten etc.) nicht nur lachen kann, sondern sogar muss. Allerdings läuft jedes Schwert bei Benutzung Gefahr, irgendwann stumpf zu werden. Also ist es empfehlenswert, es nicht zu oft, bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu zücken, sondern es mit Bedacht einzusetzen. Dazu gehört auch, sich ersteinmal darüber klarzuwerden, ob dieses Schwert die richtige Waffe für einen ist. Es eignet sich nämlich nicht für jeden. Doch auch wenn es auf den ersten Blick ungeeignet erscheint, kann es umso wirkungsvoller sein, weil es eben so überraschend kommt.

Es ist noch früh, um zu sagen, ob Ironie dauerhaft effektiv sein wird, Störenfriede verstummen zu lassen, bis dahin Unbeteiligte hinter sich zu scharen, das Niveau zu heben. Das muss der Test der Zeit zeigen. Ich gehe aber davon aus, dass sich Ironie, mit Bedacht eingesetzt, als einigermaßen nachhaltig erweisen sollte. Und wer jetzt Lust auf mehr hat, kann sich hier eine Art „Best of“ an Antworten der „WELT“ zu Gemüte führen.

Kommentar

*

Autor

Mirko Strauchmann
Mirko Strauchmann
...gräbt und wühlt am liebsten in den Tiefen des Internet. Klar, schließlich hat er Geschichte und Archäologie studiert. Und die Germanistik lässt er als Reputation Blogger sprechen. Darum analysiert der Musikliebhaber, der bei jedem Wetter mit Rad zur Arbeit fährt, bei New Communication als Reputation und Research Agent, was die Leute so im Netz über Marken schreiben oder was die Marktforschung hergibt.
Per E-Mail Kontakt aufnehmen