Reputation Blogger

Satellit
REPUTATIONBLOGGER

Seiteninhalt

15.04.2015

Praxisbeispiele, Studien

Das löchrige Gedächtnis des Internet

„Das Internet vergisst nichts!“ Das ist die Standardwarnung, um zur Sparsamkeit mit Daten zu erziehen. Keine Fotos hochladen, die auch nur entfernt kompromittierend sein könnten. Keine Kommentare hinterlassen, die ein schlechtes Bild auf einen werfen könnten. Doch auch „das Internet“ kann durchaus vergessen. Und das nicht nur aufgrund des EuGH-Urteils („Google-Urteil“) zum „Recht auf Vergessen“. (Lesezeit: ca. 5 Minuten)

Screenshots der Foren und Netzwerke

Screenshots der Foren und Netzwerke

Natürlich vergisst das Internet nichts einfach so. Man muss es schon dazu zwingen. Und wenn man das richtig anstellt, dann entstehen im digitalen Gedächtnis der Welt durchaus weiße Flecken. Dann wird das Netz löchrig-alzheimerig, dann fehlen Verbindungen, dann hat anderes scheinbar nie stattgefunden. Selbst Google „vergisst“ irgendwann, wenn der Crawler bei der Index-Aktualisierung die entsprechenden Inhalte nicht mehr auffinden kann. Die Probe aufs Exempel haben Mitarbeiter der Stiftung Warentest gemacht. Im Februarheft der Verbraucherschutzinstitution kann man die Ergebnisse nachlesen.

Über Monate haben die Tester in einigen Foren und Sozialen Netzwerken Posts hinterlassen, die sie im Nachhinein löschen lassen wollten. Sowohl in Eigenregie als auch mit Hilfe dreier Dienstleister. Grundsätzlich unterscheiden sich Foren und Soziale Netzwerke in Sachen Anonymität. Während Facebook und Co gerne die echten Namen ihrer User angegeben sehen möchten (und häufig auch bekommen), findet man diese in Foren kaum. Dort dominieren ganz klar die Pseudonyme. So ist es oftmals unmöglich, einzelne Profile bestimmten Personen zuzuordnen. Wer in einem Forum ausschließlich unter einem Pseudonym postet und auch keine eindeutigen Informationen in seinem Profil angibt, braucht sich kaum Sorgen machen, dass bspw. ein möglicher späterer Arbeitgeber ihm peinliche Beiträge unter die Nase hält. Wenn man unangenehme Posts nicht selber löschen kann, dann muss man den Forumsbetreiber kontaktieren und darum (oder um Anonymisierung) bitten.

Anders sieht es in Sozialen Netzwerken aus: Wer seinen realen Namen verwendet, kann leicht gefunden werden. Zwar kann man in den Privatsphäre-Einstellungen regeln, wer die eigenen Posts lesen kann, doch das ist nur ein Teil. Wenn ein Beitrag von anderen geteilt wird, ist er sichtbar. Ebenfalls sichtbar sind Kommentare, die der Nutzer in öffentlichen Posts hinterlässt. Dasselbe gilt für Fotos, auf denen man markiert und somit verlinkt wurde. Während sich in den Netzwerken eigene Missetaten einfach wieder entfernen lassen, ist es ungleich schwieriger, wenn diese auf den Profilen anderer veröffentlicht wurden. Dann heißt es: Kontakt aufnehmen, um Löschung bitten und hoffen. Unter Freunden bzw. verständigen Personen sollte das kein Problem sein. Allerdings liegt die Entscheidung bei dem, der das Foto auch gemacht hat. Und den Nachweis zu erbringen, dass es ohne das Einverständnis gemacht wurde, ist mindestens mühselig. Denn nur damit ließe sich eine Entfernung auf dem Rechtsweg erzwingen.

Am besten ist es also, von vornherein darauf zu achten, was man preisgibt. Und wo man sich lieber auf die Zunge beißen sollte. Die gute Nachricht ist: Die große Mehrheit der Deutschen ist vorsichtig mit dem, was sie im Internet offenbaren. Interessant ist, dass dabei weder Geschlecht noch Bildungsgrad eine Rolle spielen, wie eine Forsa-Umfrage für SAS Deutschland herausgefunden hat, sondern einzig das Alter als Distinktionsmerkmal auftritt. „Je älter, desto vorsichtiger“ könnte man die Faustregel formulieren. Natürlich sind das nur Durchschnittswerte – aber aufschlussreiche.

Wesentlich genauer ausdifferenziert zeigt sich die U25-Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). Sie stellt gemeinsam mit dem Sinus-Institut eine Typologie der jungen Nutzer auf und kennt dabei die Unbekümmerten genauso wie die Verantwortungsbedachten, die Souveränen genauso wie die Verunsicherten. Hier zeigen sich durchaus Unterschiede in den Lebenswelten. Am stärksten gefährdet erscheinen hier die Unbekümmerten, die eine starke Übereinstimmung mit dem Sinus Milieu der Hedonisten ausweisen. Das trifft auch auf die Verunsicherten zu, die oft sehr jung sind und häufig dem prekären Milieu entstammen. Diese zusammen gut 20 % der unter 25-jährigen weisen ein eher niedriges Risikobewusstsein und vergleichsweise geringe digitale Kompetenz auf. Sinnvoll (und vermutlich illusorisch) wäre Aufklärung in Schule, Familie und Freundeskreis.

Doch zurück zum Experiment der Stiftung Warentest. In den Sozialen Netzwerken konnten die Tester selbst über die Meldefunktion ihre Ziele weitgehend erreichen. Allerdings blieb das beanstandete Foto im Profil des Urhebers weiterhin sichtbar, es wurde auf Instagram und Google plus nur die Verlinkung zum Beschwerdeführer gelöscht. Auf Facebook kann man die Markierung selbst entfernen. Ein Kommentar auf YouTube wurde entfernt, Twitter hingegen reagierte überhaupt nicht. In den Foren lief die Anonymisierung der beanstandeten Beiträge problemlos. Nur Gutefrage.net war wenig hilfsbereit. Nach hartnäckigem Bitten verfuhr die Ratgebercommunity jedoch so, dass sämtliche Beiträge des Nutzers anonymisiert wurden, nicht nur der gewünschte. Wer sich hier äußert, sollte also besonders vorsichtig sein.

Und die Dienstleister? Erreichten die Ziele auch. Lohnt es also, jemanden zu beauftragen? Das lässt sich nicht einfach so beantworten. Eine Agentur arbeitete z.B. mit Schreiben vom Anwalt. Eine Erfolgsgarantie stellt das natürlich dennoch nicht dar. Wenn es sich um sehr wenige, genau definierte Beiträge handelt, sollte man es – vorausgesetzt man scheut Zeit und Mühe nicht – erst einmal selber versuchen. Wenn es nicht klappt, kann man sich immer noch an die Profis wenden. Bei mehreren Beiträgen und/oder bei solchen, die nicht genau aufgezeigt werden können, sollte man dagegen einen Reputationsmanagement-Dienstleister beauftragen. Der kann zudem über Social Media Monitoring weitere kritische Posts identifizieren. Kommentare, an die man sich vielleicht schon nicht mehr erinnert. Und eines ist klar: Die Erfolgswahrscheinlichkeit wird bei einem erfahrenen Profi nicht niedriger sein als bei der unerfahrenen Privatperson.

Kommentar

*

Autor

Mirko Strauchmann
Mirko Strauchmann
...gräbt und wühlt am liebsten in den Tiefen des Internet. Klar, schließlich hat er Geschichte und Archäologie studiert. Und die Germanistik lässt er als Reputation Blogger sprechen. Darum analysiert der Musikliebhaber, der bei jedem Wetter mit Rad zur Arbeit fährt, bei New Communication als Reputation und Research Agent, was die Leute so im Netz über Marken schreiben oder was die Marktforschung hergibt.
Per E-Mail Kontakt aufnehmen